It takes the whole village to raise a child (afrikanisches Sprichwort)

Abstract:
Mit einer umfassenden Fortbildungsmaßnahme zum kooperativen Lernen treibt Mönchengladbach seit 2002 den regionalen Schulentwicklungsprozess voran. Schulaufsicht, Kommune, Schulleitungen und Kollegien gestalten in Kooperation die regionale Bildungslandschaft Mönchengladbach – mit intensiver Sponsor-Unterstützung durch die örtliche Wirtschaft. Ein Beispiel, das im wahrsten Sinne Schule macht …

Mönchengladbach
Mönchengladbach ist eine normale, krisengeschüttelte deutsche Kommune: 270.000 Einwohner, tief greifende Wirtschaftsstrukturprobleme, kein Geld in den öffentlichen Kassen, Haushaltssicherungskonzept … typisch für viele deutsche Kommunen.
Dennoch ist es in Mönchengladbach in den letzten Jahren gelungen, einen Prozess regionaler Schulentwicklung in Gang zu setzen, der in Umfang und Qualität in Deutschland seinesgleichen sucht.
Seit Jahren schon unterstützt die Stadt Mönchengladbach im Rahmen ihres Konzeptes der „erweiterten Schulträgerschaft“ die örtlichen Schulen intensiv in ihrer inhaltlichen Arbeit. In Verbindung mit dem örtlichen Verein zur Förderung von Bildung und Kultur und mit tatkräftiger Unterstützung durch die heimische Wirtschaft richtet die Stadt z.B. die jährlichen „Mönchengladbacher Schulgespräche“ aus, finanziert die Mönchengladbacher Werkstatt für Bildungsfragen (MÖWE) und ermöglicht ein intensives und nachhaltiges Fortbildungspro-gramm der unteren Schulaufsicht.

Lektionen aus PISA
Im Jahre 2002 wurden die regionalen Fortbildungsanstrengungen unter dem Label „Mönchengladbacher Akademie“ gebündelt und auf das Thema „Unterrichtsentwicklung“ konzentriert. Unter dem Eindruck der Ergebnisse der PISA-Studie 2000 suchte die Steuergruppe der „Mönchengladbacher Akademie“ – bestehend aus dem Stadtdirektor und Schuldezernenten Wolfang Rombey, einem Vertreter der örtlichen Schulverwaltung, Vertretern der unteren und oberen Schulaufsicht, einer Grundschulleiterin und mir als Leiter einer weiterführenden Schule –eine wirksame Antwort auf die einfache Frage:

„Wie kann es uns gelingen, möglichst schnell mehr Schülerinnen und Schüler zu besseren schulischen Leistungen und Abschlüssen zu bringen“

Konzeptentwicklung
Wir – i.e. die Steuergruppe – entschieden uns, das zu tun, was in jeder Krise Sinn macht: Wir suchten Rat bei den Besten, in diesem Falle bei Norm Green, der bereits dem kanadischen Schulbezirk Durham geholfen hatte, sich aus einer tiefen Krise an die Spitze aller kanadischen Schulbezirke zu befördern.
Das Konzept des kooperativen Lernens und der Durham-Prozess überzeugten uns:
Das kooperative Lernen bietet Methoden des Lehrens und Strukturen der Lernumgebung, die unsere Kinder befähigen, die im 21. Jahrhundert notwendigen Kompetenzen in allen drei Kernbereichen, Fachkompetenz, Selbstkompetenz und Teamkompetenz, zu erwerben und im Alltagsleben zu nutzen.
Gerade die sogenannten „Risikokinder“ profitieren vom kooperativen Ansatz.
Unsere Kolleginnen und Kollegen haben aufgrund ihrer Kompetenz und Erfahrung gute Voraussetzungen, den kooperativen Ansatz in ihren Unterricht zu integrieren.
Das hohe Engagement, das Mönchengladbach für das Thema „Bildung und Qualifizierung unseres Nachwuchses“ aufbringt, berechtigte zu der Hoffnung, dass die Qualität der schulischen und außerschulischen Bildung in Mönchengladbach innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes erkennbar gesteigert werden konnte.
Wir luden Norm Green als Hauptredner zu unseren Schulgesprächen 2002 ein und organisierten zugleich eine dreitägige Akademie zum kooperativen Lernen für Mönchengladbacher Lehrerinnen und Lehrer. Bei entsprechender Resonanz sollte dies der Auftakt sein für ein auf mindestens 3 Jahre konzipiertes komplexes Fortbildungsprogramm für alle Mönchengladbacher Schulen.

Der Erfolg der ersten geplanten Veranstaltungen war überwältigend: Über 300 Personen, LehrerInnen, Eltern, Geschäftsleute, folgten Norm Greens Vortrag über „Lessons from PISA“, mehr als 100 Personen nahmen am folgenden Informationstag zum kooperativen Lernen teil und zu der dreitägigen Akademie, zu der 60 TeilnehmerInnen angenommen werden konnten, erhielten wir fast 200 Anmeldungen.

Planungsaspekte
Diese ungeheuer positive Resonanz war uns eine Verpflichtung, das Programm fortzusetzen – aber wie kann man einen solchen Anfangserfolg auf Dauer sicherstellen?
Ein Prozess, der einer ganzen Region mit fast 100 Schulen und fast 3000 Lehrerinnen und Lehrern helfen soll, sich den Anforderungen an ein Bildungssystem des 21. Jahrhunderts anzupassen, erfordert bei der Planung viele Überlegungen:

  • Was motiviert LehrerInnen, Neues hinzu zu lernen?
  • Wie finden wir die Kolleginnen und Kollegen, die nach der Fortbildung in ihren Schulen als Multiplikatoren wirken können?
  • Wie verhindern wir Einzelkämpfertum?
  • Wie sichern wir, dass das frisch Gelernte in der Praxis nicht gleich wieder untergeht?
  • Welche Unterstützung brauchen die KollegInnen nach der Fortbildung in ihren Schulen?
  • Wie gewinnen wir die Schulleitungen für den Veränderungsprozess?
  • Welche Unterstützung brauchen die Schulen?
  • Wie sichern wir die dauerhafte Betreuung der beteiligten Schulen?
  • Wie gehen wir mit Widerständen um?
  • Wie organisieren wir die Koordination des Gesamtprozesses?
  • Und nicht zuletzt: Wie sichern wir die notwendigen Ressourcen?

Bei jeder so umfassenden Maßnahme spielen die Finanzen eine bedeutende Rolle. Wir strebten ein Modell des „balanced sponsoring“ an, d.h. die Fortbildungsaktivitäten sollten jeweils hälftig von den TeilnehmerInnen und von örtlichen Sponsoren getragen werden. Heute, nach mehr als drei Jahren, können wir sagen: dieser Ansatz hat sich bewährt. Wir haben unser Konzept umsetzen können: 48% finanzierten die TeilnehmerInnen, 52% die Sponsoren – und bisher keinerlei staatliche Geldzuwendung.
Bei der Konzeption der Gesamtmaßnahme schenkten wir der nachhaltigen Wirksamkeit der Fortbildungen besondere Aufmerksamkeit – zu oft waren in der Vergangenheit die positiven Ergebnisse von Fortbildungen nach kurzer Zeit in den Schulen „versickert“.

Die folgenden Planungsaspekte waren uns besonders wichtig:

  • Wir gestalteten die Fortbildungen mit mehrmonatigem Praxisteil (3 Tage – Praxis – 2 Tage)
  • Alle Fortbildungen waren schulformübergreifend um einen möglichst weiten Austausch der Erfahrungen zu ermöglichen.
  • Wir setzten auf das Prinzip der freiwilligen Teilnahme, und stellten herausfordernde Teilnahmebedingungen (Übernahme von Kosten, Fortbildung an freien Tagen). So sicherten wir das Engagement der Teilnehmerinnen („Fortbildung der Besten“).
  • Wir forderten die Teilnahme von mindestens 3 Personen pro Schule („Keine Einzelkämpfer“)
  • Wir organisierten monatliche informelle Austausch-Treffen für alle Interessierten in gemütlicher Atmosphäre bei Kaffee und Kuchen. („Kooperative Kaffeetafel“)
  • Wir forderten, dass von jeder teilnehmenden Schule mindestens ein Mitglied der Schulleitung teilnahm.
  • Wir boten spezielle Fortbildungen zum „Change-Management“ für Schulleitungen an.
  • Die untere Schulaufsicht nahm an Fortbildungen teil, untere wie obere Schulaufsicht wirkten in der Steuergruppe mit.
  • Wir richteten eine Web-Site ein mit Materialien und Unterstützungsangeboten zum kooperativen Lernen. Seit Ende 2005 bieten wir auch netzgestützte Fortbildungen mit einer E-Learning-Plattform an.
  • Wir planten eine kontinuierliche regionale Fortbildungsaktivität über mehrere Jahre, sodass auch zuerst Zögernde noch teilnehmen konnten.
  • Ab dem zweiten Jahr des Gesamtprozesses organisierten wir eine Moderatorenausbildung. Unser Ziel: Aufbau regionaler Trainerkompetenz zur Unterstützung der regionalen Schulen.
  • Wir ermöglichten den Aufbau einer kooperativen Lehr- und Lernkultur durch Weiterführung der Fortbildungsprozesse in den einzelnen Schulen (Moderatoren-Einsatz).
  • Wir planten den Aufbau eines Bildungsbüros zur Koordinierung der Fortbildungsmaßnahmen in der Bildungsregion Mönchengladbach (realisiert: 2003/4)

Maßnahmen des Projektes
Bis heute (Januar 2006) wurden eine Vielzahl von Maßnahmen durchgeführt:

  • Mehrere Informationstage für Kolleginnen und Kollegen aus der Region
  • 6 Akademien für Lehrerinnen und Lehrer, jeweils 5 Tage, aufgeteilt in 3 Tage Aka-demie – 4 Monate Praxisphase – 2 Tage „Follow –Up“
  • 1 Einstiegs-Akademie für die Bezirksseminare in MG (2 Tage)
  • 1 Akademie „Level II“ zur Vertiefung (3 Tage)
  • 2 Akademien für Schulleitungen „Leadership in a Culture of Change“
  • Eine zweijährige Moderatorenausbildung für 44 Moderatorinnen und Moderatoren für „kooperatives Lernen und Schulentwicklung in der Region“ (gesponsort vom örtlichen Rotary Club

Erfolge des Projekts
Von 91 öffentlichen Schulen in Mönchengladbach sind inzwischen über 60 Schulen an diesem Fortbildungsprozess beteiligt, weitere 20 Grundschulen sind parallel im regionalen Fortbildungsprozess „Lernen lernen von Anfang an“ engagiert, der grundschulspezifisch die gleichen Ziele verfolgt. Viele Schulen haben inzwischen eigene schulinterne Fortbildungen zum kooperativen Lernen abgehalten. Viele Schulen haben auch Seminare für Eltern entwickelt, in denen sie den Eltern die neuen kooperativen Wege der Schule nahe bringen. In vielen Schulen wurden Arbeitskreise und Steuergruppen eingerichtet, um die schulinterne Implementierung des kooperativen Lernens zu organisieren und zu stützen. Seit diesem Schuljahr unterstützen die frisch ausgebildeten ModeratorInnen die Schulen der Region in ihren Entwicklungsprozessen, ein von der Bezirksregierung Düsseldorf eingerichtetes und beim Schulamt angesiedeltes Bildungsbüro koordiniert die Moderations- und Betreuungsprozesse.

Nach gut drei Jahren können wir sagen: Der Prozess ist ein großer Erfolg. Nahezu alle öffentlichen Schulen Mönchengladbachs konnten für die Fortbildungsinitiative gewonnen werden, das Engagement der Kolleginnen und Kollegen für den Prozess hält ungebrochen an, die Schulleitungen unterstützen die schulische Implementierung und die kontinuierliche Arbeit in den Schulen wird dank der Unterstützung durch die örtlichen ModeratorInnen in diesem Jahr weiteren Aufschwung nehmen. Die Evaluation der Auswirkungen des Prozesses auf die Leistungen der Schülerinnen und Schüler beginnt erst, aber erste Auswertungen auf Klassenebene sind vielversprechend.

Schlüsselelemente des Erfolgs
Im Jahre 2005 begannen auch andere Städte in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, den Mönchengladbacher Weg zu adaptieren (z.B. Krefeld, Bochum, Wolfsburg, Hagen), weitere wollen in diesem Jahr folgen (z.B., Dortmund, Braunschweig). Dies macht es dringend, die Frage zu beantworten:
„Was sind die Schlüsselelemente des Mönchengladbacher Erfolges?“
Wir sehen heute vor allem zwei zentrale Punkte, die den Erfolg der Mönchengladbacher Initiative begründen:

  • die besonderen Qualitäten und Wirkformen des kooperativen Lernens und
  • die konsequenten Beachtung bestimmter Erfolgskriterien systemischer Veränderungsprozesse.

Nach unseren Erfahrungen kommt das kooperative Lernen in besonderem Maße dem Lernen von Erwachsenen entgegen. Die anerkennende Nutzung vorhandener Erfahrung und vorhandenen Wissens, der rege und vielfältige Austausch mit KollegInnen aller Schulformen, die regelmäßigen Angebote, Neues und Wiederentdecktes gemeinsam in der Praxis zu nutzen, dies alles ist Grundlage der anhaltenden Begeisterung der Kolleginnen und Kollegen für den Fortbildungsprozess in Mönchengladbach.

Michael Fullan, einer der führenden kanadischen Experten für Change-Management, hat aufgrund der Analyse einer Vielzahl von Firmen und Institutionen 5 Schlüsselelemente benannt, die grundlegend für die erfolgreiche Gestaltung von Veränderungsprozessen sind:
Um tiefgreifende Entwicklung zu ermöglichen, so Fullan, sei es notwendig,

  • die Vision zu klären, gemeinsam klare Ziele und Perspektiven zu erarbeiten
  • die Entwicklungsnotwendigkeiten und die Veränderungsprozesse zu verstehen
  • den Zusammenhang der vielen verschiedenen Aspekte des Entwicklungsprozesses immer wieder zu verdeutlichen und zu klären
  • die Beziehungen der verschiedenen Partner im Entwicklungsprozess zu stärken und zu fördern
  • immer wieder Gelegenheiten zu schaffen, erworbenes Wissen, neue Erkenntnisse und neue Kompetenzen auszutauschen.

Diesem Anspruch hat sich die Steuergruppe in Mönchengladbach gestellt. In vielen Gesprächen mit Norm Green ebenso wie mit der Schulaufsicht und der Schulverwaltung, mit Schulleitern ebenso wie mit Vertretern der örtlichen Wirtschaft klärten wir unsere Zielsetzung:

den Kindern und Jugendlichen der Region in der Schule die Kompetenzen zu vermitteln, die sie benötigen,

  • um an der Gestaltung einer demokratisch verfassten Gesellschaft innerhalb einer sich globalisierenden Welt aktiv teilhaben zu können
  • um in einer wissensbasierten Gesellschaft ihr Leben erfolgreich zu meistern.


Dieses Ziel suchte das Mönchengladbacher Modell durch eine nachhaltige Förderung der regionalen Schulentwicklung zu erreichen, und zwar durch

  • Unterstützung der Lehrenden durch die Vermittlung von Kompetenzen für die Entwicklung einer kooperativen Lehr- und Lernkultur sowohl für das Klassenzimmer als auch für das Lehrerzimmer
  • Unterstützung der Unterrichtsentwicklung in den Schulen
  • Unterstützung der Schulleitungen bei der Planung und Gestaltung der Entwicklungsprozesse an ihren Schulen
  • Aufbau eines regionalen Unterstützungssystems für Schulen und Schulleitungen aller Schulformen – Ausbildung von Moderatoren
  • Stärkung der Kommunalen Steuerungskompetenz im Bildungsbereich – Aufbau eines Bildungsbüros

In der Reflexion zeigt sich, dass unsere oben genannten zentralen Planungsaspekte (Die Einbindung der Schulleitungen, die Forderung nach Selbstbeteiligung der TeilnehmerInnen, die Forderung, mindestens 3 KollegInnen von jeder teilnehmenden Schule zu entsenden, die konsequente Unterstützung durch die Schulaufsicht, die die Prozesse an den Schulen aktiv unterstützte, die Ausbildung der regionalen Moderatoren, die Einrichtung des Bildungsbüros usw.) den Gefahren und Schwierigkeiten eines solchen Entwicklungsprozesses von Anbeginn an Rechnung trugen.
Von Anfang an kommunizierten wir unser Ziel und unseren Ansatz in allen Gesprächen mit Vertretern regionaler Gruppen, wir diskutierten mit allen Beteiligten, Lehrern wie Schulleitern, Schulaufsicht wie Sponsoren die Bedeutung der verschiedenen Maßnahmen (Lehrer-Akademien, Leitungs-Akademien, 2. Level, Moderatorenausbildung), die Einbindung der Bezirksseminare, die Notwendigkeit eines Bildungsbüros etc. etc. Dies erst führte zu dem hohen Maß an Engagement aller beteiligten Gruppen, ohne das der Erfolg nicht möglich gewesen wäre.
Es wird deutlich, dass die Schlüsselelemente, die den Erfolg des Mönchengladbacher Modells begründen, den Grundelementen des Kooperativen Lernens entsprechen:

  • Ein starkes Gemeinschaftsgefühl aller Beteiligten,
  • individuelle Verantwortungsübernahme, jeder in seiner Rolle,
  • hohe soziale und berufliche Kompetenzen der Kolleginnen und Kollegen,
  • stete Reflexion des Entwicklungsprozesses (z.B. regelmäßige Evaluation jeder Fort-bildungsmaßnahme) und
  • der klare regionale Zusammenhang aller Aktivitäten.

Auch nach 3 Jahren stehen wir in Mönchengladbach erst am Anfang des Prozesses. Flächendeckend in unserer Region den „Switch“ von der Belehrungskultur zur Lernkultur zu bewältigen verlangt noch ein riesiges Stück Arbeit. Aber die Fundamente für den Kulturwandel sind gelegt, die Perspektiven sind klar – wir sind auf dem Weg.
Wir haben verstanden: Es braucht das ganze Dorf, ein Kind aufzuziehen.

Peter Blomert

(Dieser Artikel erschien in leicht gekürzter Form im Januar 2006 in der Zeitschrift „Lernende Schule“ des Friedrich Verlages )