Jeder Mensch hat sein eigenes individuelles Konstrukt der Welt im Kopf, und zugleich ermöglicht erst die Spiegelung im Anderen diesen „individuellen“ Welt-Entwurf. Der soziale Kontakt sorgt dafür, dass die Individuen sich mit ihren Weltkonstrukten aneinander messen und miteinander wachsen und reifen.
Das Lernen im sozialen Zusammenhang, der Austausch mit Anderen, die „Kooperation“ also ist die Grundlage unserer Individualität wie unserer Sozialzugehörigkeit gleichermaßen.

Was bedeutet das Obige für uns Lehrerinnen und Lehrer?
Lehren ist unmöglich – Lernen ist möglich!
Die alte Vorstellung vom „Nürnberger Trichter“, wir könnten unser Wissen an die Schülerinnen und Schüler einfach weiterreichen, widerspricht aller moderner Er-kenntnis über das Gehirn und das Lernen. Wenn wir annehmen, dass wir vieles besser wissen als unsere Schülerinnen und Schüler, so macht uns dies noch nicht zu Lehrerinnen und Lehrern, sondern erst einmal nur zu Besserwissern.
Wieso lernen in unseren „Belehrungsanstalten“ die Kinder dennoch etwas?
Die Antwort: Lernen findet immer statt, das Gehirn bildet aus allen Eindrücken immer wieder neue Muster und Strukturen, bestärkt alte Muster oder lässt sie verfallen – ohne Pause arbeiten wir an der Konstruktion und Rekonstruktion subjektiv gedeuteter Wirklichkeit. Wie Prof. Manfred Spitzer sagt: Das menschliche Gehirn kann überhaupt nichts Anderes. Dem schulischen Lehrplan setzen die Kindergehirne vielfache und vielfältige individuelle Lernpläne entgegen – gesteuert aus den empfundenen Notwendigkeiten der Individuen und den Anregungen des Sozialumfeldes.

Was lernen?
Wir leben in einer Zeit sich überschlagender Entwicklungen. Die Trendforscher und Prognostiker sind sich sicher: die Veränderungen, denen wir uns in den nächsten 30 Jahren stellen müssen, werden größer und gewichtiger sein als die Veränderungen, die wir in den letzten 30 Jahren haben meistern müssen. Was müssen unsere Kinder wissen und können, was müssen unsere Kinder lernen? – Wir wissen es nicht. Die Zeiten eines gesicherten, nicht zu hinterfragenden Bildungskanons sind unwiederbringlich vorüber.
Der durch PISA bekannt gewordene Kompetenzbegriff der „Literacy“ spiegelt die beschriebene Situation – er zielt nicht mehr auf festgelegte Lehrinhalte, sondern auf Interpretations- und Handlungskompetenzen der Individuen in einer durch Komplexität und hohe Veränderungsgeschwindigkeit gekennzeichneten Welt. Er beschreibt das Bildungskonzept der postmodernen Risikogesellschaft (Beck), in der der kompetente Umgang mit der Unsicherheit das wichtigste Lernziel darstellt.

Vom Lehrer zum Unterstützer von Lernprozessen
Diese Sicht auf das Lernen und das zu Lernende hat tief greifende Konsequenzen für die Rolle der Lehrenden, für uns: Wenn Belehrung nicht möglich ist, müssen wir mit alten Rollenklischees brechen, unser Pult verlassen und uns entwickeln – hin zu Gestaltern anregungsreicher und relevanter Lernsituationen, als Begleiten-de, als Unterstützende und, vor allem, als Mit-Lernende unserer Kinder, denn: wenn nicht mehr ohne Widerspruch gesetzt werden kann, was relevant für die Kinder ist, schwindet unser ehemaliger scheinbarer Vorsprung des „Besserwissens“. Wenn wir dennoch Kindern weiterhin Orientierung geben wollen, müssen wir selbst in wacher Auseinandersetzung mit der Welt und den Kindern unser Weltkonstrukt einer ständigen Revision unterziehen, die Koordinaten von Wichtig und Unwichtig neu bestimmen – wir müssen im strengen Sinne wieder zu Lernenden werden.

Voraussetzungen kooperativen Lernens
Auf dem Weg zum Lernbegleiter bietet der Ansatz des kooperativen Lernens uns umfassende Hilfe und Struktur – in ihm sind die Erkenntnisse des effektiven Lernens in Gruppen zusammengefasst, er verdeutlicht, was Kinder brauchen, um sich selbständig, selbstbewusst und sozial ihre – und unsere – Welt anzueignen. Darüber hinaus verdeutlicht der Ansatz des kooperativen Lernens auch, wie wir Lehrende selbst lernen können und lernen müssen – weg vom Einzelkämpfertum des zu wenig respektierten Belehrers – hin zum unterstützenden Mitlernenden im Unterricht, hin zum engagierten Teammitglied im Lehrerzimmer.

Damit das kooperative Lernen aber seine Kraft entfalten kann, sind bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen:

  • Beschränken Sie das kooperative Lernen nicht auf Ihren Unterricht! Wenn Sie in der Rolle des Einzelkämpfers verharren, wenn Sie nicht lernend vorleben, was Sie von Ihren Kindern erwarten, werden Sie bestenfalls Teilerfolge ernten. Arbeiten Sie mit KollegInnen zusammen, bilden Sie kleine Teams im Jahrgang, im Fach oder für ein kleines Projekt.
  • Haben Sie mehr Fragen als Antworten – in unserer Welt können nur Fragende Orientierung geben. Erst im anerkennenden Austausch der vielfältigen Sichtweisen im Team gewinnen alle Beteiligten neue Perspektiven.
  • Gestalten Sie Ihren Unterricht so, dass auch Sie immer etwas lernen. Sie mögen Anderes gelernt haben als Ihre Kinder, aber wenn Sie am Ende der Stunde nichts gelernt haben, haben es Ihre Kinder wahrscheinlich auch nicht.
  • Das kooperative Lernen kann längere Zeiträume sehr produktiv nutzen – geben Sie diese Zeit – gestalten Sie Freiräume für natürliche Lernrhythmen.
  • Üben Sie, experimentieren Sie und, wenn Sie fallen, stehen Sie wieder auf: Der Übergang zum kooperativen Lernen ist ein Kulturwandel, er braucht Zeit, Mut und Ausdauer.

Kooperatives Lernen – ernst genommen – wird Ihren Unterricht verändern, wird Ihre Schule verändern, wird Sie verändern. Diese Veränderung ist notwendig, sie ist schwierig – und sie lohnt sich!

Peter Blomert